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Neues aus dem Geheimlabor (Heilanstaltleaks).




SELIM ÖZDOGAN IM GESPRÄCH ÜBER TORBOOX, PIRATERIE, FEINDE, SPRACHE UND ZWEIFEL



Herr Özdogan, wie sind Sie auf Torboox gestoßen?

Dass es Seiten gibt, auf denen man Ebooks ohne Bezahlung herunterladen kann, ist ja kein
Geheimnis. Auf Torboox bin ich aufmerksam geworden durch einen Tweet, der zum Interview
mit Spiegelbest in der Zeit führte.


Was haben Sie gedacht, als Sie das Interview gelesen haben?

Ich war und bin mit so einigem nicht einverstanden, was Spiegelbest da gesagt hat, aber ich
habe mich gefreut, dass diese Seite auch mal eine hörbare Stimme bekommt. Ich finde es
mehr als nur langweilig im Rahmen großer und vermutlich teurer Kampagnen immer Leute
zu hören, die über Piraterie klagen, als würde ihnen das Dach über dem Kopf genommen
werden, dabei dürften sie ihre Altersversorgung längst raus haben. Dass dort meist nicht
besonders intelligent und an den digitalen Realitäten vorbei argumentiert wird, führt auch
nicht dazu, dass ich Sympathie entwickle.


Was meinen Sie mit digitalen Realitäten?

Es erscheint mir nahezu unmöglich, ein Ebook mit einem funktionierenden Kopierschutz
auszustatten. Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt. Gesetze sind national, das Internet kennt
keine Grenzen, das ist auch Fakt. Außerdem ist Anonymität im Netz machbar. Zusammen
genommen bedeutet dies, dass es möglich ist, eine Plattform wie Torboox oder Silk Road
aufzubauen.

Die Möglichkeit - auch unerkannt - viele Menschen zu erreichen, ist im Netz gegeben. Das
kann so oder so genutzt werden. Wenn es darum geht Zensur zu umgehen, wird diese
Möglichkeit hier begrüßt. Sie wird aber abgelehnt, sobald käufliche Inhalte unkontrolliert
verbreitet werden.

Ich möchte gar nicht behaupten, dass man das eine ohne das andere nicht haben kann. Aber
es stellt sich die Frage, wie man damit umgehen möchte. Diese Ich-will-dass-alles-so-wird-
wie-früher-Haltung erscheint mir da nicht sehr weitblickend.


Man muss sich also damit abfinden, dass es Piraterie gibt?

Ich glaube ja. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß. Um das Ausmaß zu reduzieren, müsste
man ein attraktives Angebot für den Kunden bieten. Ebooks sind heute in der Regel etwa
10% billiger als das entsprechende Papierbuch. Das heißt wir sagen dem Käufer:

Wenn wir die Druckkosten, die Vertriebswege, den Gewinn des Buchhändlers, etc rausnehmen,
können wir dieses Ding 10% billiger anbieten. Und wenn er das nicht glaubt, liegt der Fehler
bei ihm.

Aus Sicht der Verlage finde ich das nachvollziehbar: Werde braun, solange die Sonne scheint.
Aber wenn ich das richtig sehe, werden die Schatten schon länger und keiner weiß, wie später
mal Licht werden soll.


Wie sehen Sie die Zukunft der Verlage?

Darüber muss man in den Verlagen nachdenken. Es wird ja gerne suggeriert, dass Autoren
und Verlage die gleichen Interessen haben, doch das stimmt so nicht und wird langsam
auch erkannt.

Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass die Diskussion oft zu klein geführt wird, zu
selbstbezogen. Natürlich schadet es mir als Autor, dass es Piraterie gibt. Aber es geht
nicht um mich oder auch nur um die Literatur, um die Musik, die Filme. Das alles muss
auch diskutiert werden, keine Frage.

Wo wollen wir hin? Was ist die Rolle des Künstlers? Was ist die Rolle der Verlage? usw.
Doch mir scheint, es geht um mehr.

Diese Totalüberwachung im Netz, von der jetzt alle erfahren haben, dieses Sammeln
von Daten, um gezielt Werbung schalten zu können, diese Manipulation der Suchergebnisse
durch Google, die Vorzensur, die dort stattfindet, das alles sind ja Bestandteile unseres
Lebens geworden, ohne dass wir das richtig in Frage stellen. Viele Menschen glauben ja,
Facebook würde ihre Inhalte kosten-, und zensurlos ins Netz zu stellen. Doch Facebook
hat Hausrecht und die Ware ist der Nutzer.

In so einem Zusammenhang begrüße ich, dass es Menschen gibt, die sich im Netz frei von
all dem machen, die zeigen, dass man nicht gläsern sein muss, sondern unsichtbar werden
kann. Dass mir das finanziell schaden könnte, finde ich einen erstmal zu verschmerzenden
Nebeneffekt. Natürlich sehe ich, dass auch die meisten dieser Menschen letztlich nur Geld
verdienen wollen, aber bei Spiegelbest muss man das möglicherweise relativieren.

Der fährt da ja im Gegensatz zu den anderen illegalen Ebookportalen ein neues Konzept
ganz ohne Werbung und ohne One-click-hoster. Er bietet finanzstarken Konzernen die
Stirn und zeigt den Mittelfinger. Man kann das pubertär von mir finden, aber ich mag
diese Haltung. Die Freiheit, die hier beansprucht wird, wird auch dem Kunden gewährt.


Wie kamen Sie auf die Idee ein Buch über Torboox zu veröffentlichen?

Ich bin an Kontakt interessiert und Kontakt, wie ich ihn verstehe, entsteht an den Grenzen.
Was ich in der öffentlichen Diskussion sehe, ist eher ein Rückzug, ein sich einigeln und auf
die bösen Piraten schimpfen. Ich möchte an die Grenze, ich möchte sehen, welche neuen
Wege es geben könnte. Bestenfalls bin ich eine Art Bindeglied oder gebe der Diskussion
eine neue Richtung. Vielleicht ist meine Idee dumm und ich säge auch nur an dem Ast,
auf dem ich sitze. Aber ich kann nicht sehen, dass es dümmer ist, an meinem Ast zu sägen,
als mitzusägen an dem Ast, mit dem die meisten Verlage beschäftigt sind.

Ich versuche halt etwas. Das ist mehr als man von den meisten behaupten kann, die
wollen bestehendes Revier verteidigen.

Die Frage ist ja auch immer: Was hat man schon zu verlieren? Existenzangst ist ja
nicht die Angst, dass man aufhört zu atmen.


Sie nehmen in Kauf sich mit dieser Veröffentlichung Feinde zu machen?

Mir ist bewusst, dass man auf diesen Schritt emotional reagieren kann. Ich sehe aber nicht
so richtig, wem ich damit weh tue, wenn ich etwas verschenke. Ich habe ja auch in der
Vergangenheit schon Möglichkeiten des Netzes genutzt, um Sachen kostenfrei anzubieten.

Das einzige, was jetzt anders ist, ist die Plattform. Es wird einem nie vorgeworfen mit einem
großen Konzern zu arbeiten, der am Kunden kein weiteres Interesse hat als seine Daten und
seine Kaufkraft. Ich bin in erster Linie am Leser interessiert und dessen Wert bemisst sich
für mich nicht an seiner Kaufkraft. Dass ich Geld verdienen muss, empfinde ich als einen
Makel des Systems, in dem wir leben. Und ich halte den Leser nicht für so dumm, dass er
die Autoren vernichtet, indem er sie nicht mehr unterstützt.

Was genau ist also verwerflich daran, etwas über Torboox zu verbreiten?


Torboox ist illegal, Sie arbeiten mit Kriminellen zusammen.

Die Liste der Künstler, denen Verbindungen ins Rotlicht-Milieu nicht nur nachgesagt werden
ist lang. Was dort eine gewisse Faszination und Romantik besitzt, gilt im Netz auf einmal
nicht mehr?

Nein, ernsthaft: Ja, das sind nach deutschem Recht Kriminelle, aber wir kommen nicht
weiter, wenn wir sie nur kriminalisieren. Man muss nicht mit ihnen zusammenarbeiten, aber
sie und auch die große Anzahl von Nutzern dieser Plattform zu kriminalisieren, löst das
Problem nicht. Oder erst, wenn wir eine flächendeckende Zensur des Internets oder die totale
Überwachung einführen.

Die Frage ist, ob wir das wollen und ob das dann tatsächlich auch durchsetzbar ist. Die Art
und Weise wie große Internetkonzerne mit Daten, Datenschutzrichtlinien und mit ihren
Mitarbeitern umgehen, ist auch mehr als zweifelhaft, aber die wenigstens würden sie als
kriminell bezeichnen. Niemand scheint ein Problem damit zu haben, Amazon zu unterstützen,
die offensichtlich eine absolute Monopolstellung anstreben. Kultur lebt aber auch von
Vielfalt.

Es ist eine komplexe Welt, in der wir leben, und ich finde nie einen Weg, wie man die Dinge
zweifelsfrei richtig macht. Man wählt immer nur das kleinere übel.


Kann Torboox die Verlage ersetzen?

Nein. Es gibt keine Lektoren, keine Vorauswahl, kein Marketing, keine Gestaltung, man bietet
keine Orientierung, nichts. Ich kann nicht mal ein literarisches Interesse erkennen, es geht
in erster Linie darum, einen Bestsellerleser zu bedienen. Es gibt auch keine Ausschüttung an
die Autoren. Ich halte das für kein funktionsfähiges Konzept. Aber der Erfolg von Torboox
könnte die Verlage dazu bringen über die etablierten Strukturen hinauszudenken und sich
und ihre Rolle in diesem Geschäft neu zu definieren. Insofern hat Torboox schon eine
wichtige Rolle.


Wo sehen Sie die Buchmesse in 4 Jahren?

Ich weiß es nicht. Ich trete hier nicht als Wahrsager auf. Diese Branche ist langsamer als
viele andere. Und ich bin kein Geschäftsmann, ich bin Autor. Ich bin, um es mit Jörg Fauser
zu sagen, für Sprache und Zweifel zuständig.

Vor einigen Jahren hat der damalige Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels
gesagt: "Im Internet gibt es so gut wie keine Raubkopien von Büchern, allenfalls marginale
Copyright-Verletzungen." (Zitiert nach heise.de/ct/artikel/Alles-nur-geklaut-288248.html).

Damals gab es eine überschaubare, aber aktive Ebook-Szene, die noch eine gewisse Ethik
hatte. Man hätte gemeinsame Konzepte entwickeln können. Möglicherweise sind noch nicht
alle Züge abgefahren.



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